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J.M.Hedinger: Beobachtungen und Thesen zur Kunst heute

ALLGEMEIN:
– Die Disziplinen mischen sich (Transdisziplinarität), diese offene Grenzen bergen dabei aber auch ein Problem: Leitstungsstandarts sind nur noch schwer zu bestimmen.
– die Kunst wird weiblich (vgl. Wolfgang Ullrich: Tiefer Hängen (2003), ab S. 152). Bis weit ins 20. Jhdt war die Kunst männlich und ebenso konnotiert (vgl. den Avantgarde-Künstler, der seinen Tugendkanon dem Militärischen entlehnte -> Risikobereitschaft, Vorwärtstreben, Kompromisslosigkeiten zeigte. Oder der Topos des Künstler als Abenteurer, Schamane, Held, Asket, Titan. Oder: der Künstler als Forscher, Wissenschaftler. Oder: der Kraftprotz, der Wilde, etc.
– Der Kunstbegriff wird erweitert – seit spätestens den 60er wird das Verständnis von Kunst umgerüstet, entradikalisiert.
– Heute sehen sich viele Künstler eher als Dienstleister, Moderatoren, Netzwerker, Teamarbeiter, Kollektive, Kollaborateure als singulären Künstler. Und partizipieren mit allen und allem (relational aesthetics, Sozialkunst, Kontextkunst etc)
– Oft fehlt aber auch der Stolz, sich als „Künstler“ zu nennen. (Was schreibe ich im Flugzeug bei der Einreisekarte auf die Linie mit dem Beruf ??)
– das Streben nach einem markanter Stil wandelt sich zu polyglotter Bildsprache. Alle machen alles. Summe von Stilen und Lebensmöglichkeiten. Stets offen fürs Neue.
– Lust an Fundamentalopposition ist ebenso ausgestorben wie die künstlerische Machtfantasie (Ullrich)
– die Kunststudenten sind durchschnittlich älter wie früher. Oft kommen Kunststudenten erst für eine Zweitausbildung mit 25 bis 30 an die Akademien. Die Zeit an der Kunstschule wird oft genutzt zum Experimentieren und über sich selbst meditieren. Oft fehlt heute  ein Ehrgeiz an sein eigenes Werk und die Adressierung an ein Publikum. Kunst verkommt oft zur therapeutische Funktion. Wolfgang Ullrich nannte es gar mal spitz: „Die Kunstakademie als Vorschule zur Esoterik“. Damit hat man dann auch gleich das Problem des erfolglosen Künstlers gelöst: Wer Kunst nicht als Beruf anstrebt, kann als Künstler nicht scheitern. – Frage: wie viele der Kunststudenten sind nach 10 Jahren noch im Betrieb?
– Problematisch auch der Glaube, man könne alles mit allem verbinden (Künstler + Kurator + Kulturmanager + Kunsthistoriker + Erzieher + Dienstleister + Unternehmensberater etc). Eine Glaube, der nicht zuletzt gepflegt wird, weil er sich ebenfalls gut eignet, fehlenden Erfolge als Künstler zu kaschieren.
– das Star- und Glamoursystem hat in den letzten Jahren stark im Kunstsystem Eingang gefunden. Vernissagen sind die neuen Partys. Die hippen Galerien die neuen Clubs. Auch die unvermeidbaren Castings-Shows finden statt.

PERSÖNLICH:
hoffe ich, dass wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stehen. ich nenne es das Postironische. Natürlich eine wilde Behauptung, die wir da Ende 2008 in die Welt entliessen. Auch weil wir noch kein anderen, besseren Namen haben. vgl. dazu auch www.postirony.com und den dazugehörenden Blog. Aber offenbar hat nun auch ein deutsches Museum den Begriff aufgegriffen (oder kurz danach nochmals erfunden?..)

Projekte und Künstler, bei denen ich ähnliche postironische Einflüsse sehen:
vgl. Miranda July und ihr Projekt „Learning to love you more„.
vgl. Jeremy Deller und sein Projekt „Folk Archive
vgl. The Selby
vgl. Devendra Banhart
vgl. Interview Project by David Lynch
für mehr surft durch den Postirony-Blog.

Cosmopolitan Tribalism

Cosmopolitan Tribalism from box1824 on Vimeo.