Kunstmarkt 2.0

Wer Kunst kauft, sammelt Status. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Galerienszene. Jetzt will ein Internet-Start-up namens art.sy dafür sorgen, dass neben Geld auch wieder Geschmack regiert.

von Sven Behrisch, Das Magazin,11.6.2011

(Cleveland und Cliwich, die Gründer von art.sy, vor Jaume Plensas Skulptur „Echo“ in New York)

An der Ecke eine Autowerkstatt, am anderen Ende der Strasse, fast schon am Hudson River, ein Fussballplatz. Fabrikgebäude aus Ziegelstein. Ein Hund. Nichts deutet darauf hin, dass diese Strassen, von der 19. bis zur 29. im Westen Manhattans, den Mittelpunkt der internationalen Kunstwelt pflastern. Nichts ausser den schwarzen Limousinen und den Türen aus Milchglas, vor denen sie warten. Durch das Milchglas strahlt die Verheissung der Kunst; wie man an sie herankommt, was sie ist, das bleibt diffus. Das Milchglas der schweren, mit Edelstahl gerahmten Einlässe zu den Galerien im New Yorker Stadtteil Chelsea ist wie die Metapher ihres Geschäftsmodells, dem sich die reichsten und mächtigsten Geschäftsleute der Welt willig ergeben. Die dicken Türen, die Verschwommenheit sind Teil einer Wertschöpfungskette. Sie erzeugen Schwellenangst. Schwellenangst erzeugt Exklusivität. Und Exklusivität erzeugt Wert. So funktioniert die Logik des Kunstmarkts. Das wird sich Die zeitgenössische Kunst hat in den vergangenen dreissig Jahren einen Boom erfahren wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig. Die Preise haben sich vertausendfacht. Auf der ganzen Welt entstehen Sammlermuseen mit zeitgenössischer Kunst. In den Vorstandsräumen von Banken, wo vor dreissig Jahren noch die Gründer in Öl streng von holzgetäfelten Wänden blickten, stehen heute grosse abstrakte Kompositionen als Chiffren für Macht und Wagemut; Kunstmessen, allen voran die Art Basel, haben, was die Ansammlung von Geld und Prominenz angeht, die höfischen Feste der Feudalzeit abgelöst. Moderne Kunst ist überall, und das Gleiche gilt für die Sammler, die in Mexiko, Russland und vor allem in China gigantische Kollektionen anhäufen. Doch die Globalisierung ändert die Spielregeln des Markts. Transparenz wird gefragt sein statt Verschwiegenheit, Zugang statt Abschottung, Dauerpräsenz statt Wechselausstellung. Mit einem Wort: das Internet. Der Kunstmarkt ist das letzte grosse Geschäftsfeld, auf dem es noch keine Wurzeln gefasst hat. Amazon hat den Buchmarkt, iTunes den Musikmarkt, Blogs und der Onlineversand haben den Modemarkt radikal verändert. Ähnliches bahnt sich nun auch im Kunstmarkt an. Die Folgen für Sammler und Händler werden dramatisch sein. Vielleicht auch für die Kunst selbst.

Noch aber ist alles beim Alten in Chelsea. Noch haben die Galerien exklusiven Zugang zu den neuesten Arbeiten der begehrten Künstler, noch können sie Hunderttausende oder Millionen dafür verlangen. Fest muss man an den Wert der Kunst glauben, der solche Preise rechtfertigt, so fest, wie man die Türen aufstossen muss, um ins Innere der Galerien zu gelangen. Eine sieht aus wie die andere: weisse nackte Wände, Decken, hoch wie Kirchenschiffe. Zwei Skulpturen, schwarz-weiss gestreift, 450 000 Dollar das Stück; Fotografien einer Rokoko-tapete, acht Meter hoch, Preis auf Anfrage. Installationen von Plexiglaskästen auf Sockeln aus Gips, Sinn auf Nachfrage. Doch bei wem? In der Nähe des Eingangs steht ein weisser Tisch mit einem weissen Apple-Bildschirm. Dahinter ein Model mit grosser Hornbrille und schwarzen Strümpfen. Alles schweigt. Niemand grüsst. Keiner hilft. Aber alle wollen rein.

STATUS KAUFEN

Warum? Die Antwort, die Barbara Guggenheim darauf gibt, ist schlicht wie ihr weisser Seidenblazer: «Du hast ein neues Haus und ein neues Sofa. Du hast eine freie Wand über dem Sofa, und das Sofa ist blau. Also brauchst du ein Bild, das über dein blaues Sofa passt.» Makellose Zähne beissen in einen Blaubeer-muffin. «So war das bei den meisten Anfängern.» Guggenheim ist Kunstberaterin. Sie half dem Coca-Cola-Konzern und dem Schauspieler Jeremy Irons mit ihren Sammlungen. Kaum ein anderer kennt so viele Sammler. Wie der Antrieb zu sammeln sich veränderte, hat sie in vierzig Berufsjahren hautnah miterlebt. «Heute wollen die Leute Teil der Szene sein. Wenn du reich bist, auch sehr reich, kommst du noch lange nicht in die richtigen Kreise. Dafür musst du auf die Kunstmessen, wo die grossen Galerien ausstellen. Früher hiess es dort: Was hast du dir heute gekauft? Die Mehrzahl derer, die heute Kunst kaufen, kaufen in erster Linie gesellschaftlichen Status.»

Was den Status angeht, kann Barbara Guggenheim mitreden. Vor ihrem Apartment im 15. Stock liegt der Central Park, links die Met, rechts das Ritz. Drei Wohnungen hat sie in der teuersten Lage der Stadt zusammengelegt. Jetzt hat sie drei Küchen. Eine dient als Umkleide, von der anderen nutzt sie nur den Backofen, in dem ein Faxgerät steht. Für den Termin am Morgen hat sie Frühstück kommen lassen. Während sie den Kaffee aus den Pappbechern in Tassen umfüllt, entschuldigt sie sich für ihre Wohnung. Für eine New Yorkerin sei es das Vulgärste, was man sich denken könne, in Central Park South zu wohnen. «Aber mein Mann ist Kalifornier, er mag die Ansicht.»

Den Überblick über das umkämpfte Angebot auf dem Kunstmarkt zu behalten, darin liegt die grösste Schwierigkeit. «Herauszufinden, wer die Bluechip-Künstler sind, das A+-Material, ist leicht.» Bluechip, A+, das sind Bezeichnungen der Wallstreet. Bluechips werden Aktien von Grossunternehmen genannt, die eine solide Rendite versprechen. Zwischen Kunst- und Aktienkauf sieht Guggenheim einen starken Zusammenhang: «Jeder will Teil des grossen Spiels sein; die Broker von der Wallstreet lesen, dass man ein Bild für 30 000 Dollar kaufen und für 3 Millionen verkaufen kann. Der Sache nach ist eine Arbeit von Damien Hirst nicht viel anders als ein Hedgefonds, nur dass immer noch der gesellschaftliche Wert bleibt, wenn der Marktwert in den Keller gegangen ein sollte.»

Steve A. Cohen gehört zu den erfolgreichsten Hedgefonds-Managern der Börsenwelt. Binnen weniger Jahre hat er mit Zinswetten ein Vermögen von über 6 Milliarden Dollar angehäuft. Eines der wenigen Fotos, die von ihm existieren, stammt von der Starfotografin Annie Leibowitz. Es zeigt ihn vor neun Computermonitoren in einem riesigen Saal, in dem er zweihundert Mitarbeiter dirigiert. Cohen ist ein kleiner, schwammiger Mann, seit seiner Jugend von Rückenschmerzen geplagt. Und von dem Wunsch, nicht nur auf dem Börsen-, sondern auch auf dem gesellschaftlichen Parkett etwas zu gelten.

Nicht unbedingt was die Originalität der Kunst, wohl aber was die bezahlten Preise angeht, dürfte Cohen an der Spitze aller Kunstsammler weltweit stehen. In den vergangenen Jahren hat er einige der teuersten Kunstwerke erstanden, die jemals zu kaufen waren, darunter einen Pollock für 52 Millionen sowie einen Willem de Kooning für 138 Millionen Dollar. Eine Ikone der zeitgenössischen Kunst, den in Formaldehyd eingelegten Hai des britischen Künstlers Damian Hirst erstand Cohen vergleichsweise günstig für rund 8 Millionen. Der Kauf eines Picassos, den er seinem Milliardärskollegen Steve Wynn abkaufen wollte, scheiterte daran, dass der kurzsichtige Wynn auf einer Party mit dem Ellenbogen an dem Bild hängen blieb. Seiher hat der Picasso einen Riss, und Cohen konnte die verabredeten 140 Millionen Dollar für etwas anderes ausgeben.

Der medienscheue Milliardär erklärt sich zu einem kurzen Telefongespräch in der Mittagspause bereit. Was ist der Unterschied zwischen dem Handeln mit Kunst und dem Handel mit Aktien? Zögern. Dann eine helle, leicht mehlige Stimme: «Naja, beides Wetten auf die Zukunft. Aber nur, wenn du es als reine Anlage betrachtest. Das ist ja das Schöne an der Kunst gegenüber Aktien: dass du dich nicht darum zu kümmern brauchst, was mit den Preisen passiert. Ich finde es netter, mit Kunstwerken in meinem Haus zu leben als mit Aktienzertifikaten.»

Netter. Ein Mann, dessen Lebenssinn darin besteht, Geld zu vermehren, findet die grösste Genugtuung darin, für irrwitziges Geld Dinge zu kaufen, die ihm an sich nicht weiter wichtig sind. «Warum?», fragt ein gekränkt klingender Cohen zurück, «was ist an den Preisen irrwitzig?»

Ziemlich genau in der Mitte zwischen der Wallstreet und Barbara Guggenheim, zwischen dem Galerienviertel von Chelsea und Sotheby’s sitzen zwei Männer, die dem Irrwitz ein Ende setzen wollen. Ihr Ziel. Die Kunstwelt auch dem Rest der Welt zu öffnen. Jenem Rest, der nicht Millionen übrig hat, der die Kunst mehr liebt als das Prestige, das sie bringt. Der eine heisst Sebastian Cwilich. Er hat einen Stoppelbart, zwanzig Jahre Berufserfahrung in der Kunstwelt, unter anderem bei Christie’s, und glänzende Kontakte. Der andere ist Carter Cleveland, 24, ein Informatiker aus Princeton mit Pagenschnitt. Cwilich trägt einen schwarzen Anzug und Manschettenknöpfe, Cleveland Jeans, Cowboystiefel und ein hellblaues Poloshirt. Cwilich kann stundenlang charmant, unterhaltsam und eloquent gar nichts sagen. Cleveland taucht nur ab und an hinter seinem Notebook hervor. Die Aufgabenteilung ist klar. Der eine bezirzt die Kunstwelt. Der andere krempelt sie in der Zwischenzeit um.

Sie sitzen in einer Lounge im 4. Stock eines pompösen Geschäftshauses am Broadway. Grosse Kissen liegen am Boden, in denen junge Männer in schwarzen Hemden hinter silbernen Monitoren versinken. Aus Liegeinseln, an der Decke aufgehängt, schallt das dezente Tickern von Tastaturen. Junge, Kreative. Manche von ihnen, darunter auch Cleveland, hat New Yorks Bürgermeister Bloomberg aus Silicon Valley in Kalifornien hierhergelockt. Alle haben ein Projekt, an dem sie herumprogrammieren. Die wenigsten haben, wie Cleveland, einen Stab von 25 Mitarbeitern, ein paar Millionen Dollar Investorengeld im Rücken, darunter von Twitter-Gründer Jack Dorsey, und neben Ex-Google-Chef Eric Schmidt praktisch alle Grössen des internationalen Kunstmarkts an ihrer Seite. Weil diese zu Recht befürchten müssen, dass, wenn sie hier nicht dabei, dann für immer draussen sind.

Angefangen hat alles in einem Studentenzimmer. Cleveland wuchs umgeben von Kunst auf. Sein Vater ist Kunsthistoriker. «In meinem Schlafzimmer hatte ich kein einziges Poster, alles hing voll mit Gemälden. Im College war ich dann zum ersten Mal von blanken, weissen Wänden umgeben. Also habe ich im Internet nach Kunst gesucht, die mir gefallen könnte. Ich habe nichts gefunden.» Er dachte sich: So etwas wie Pandora, eine Software, die Musiktitel vorschlägt, welche dem ähneln, den man gerade gehört hat, das muss es doch auch für Kunst geben. Gab es nicht.

GOOGLE DER KUNST

Clevelands Idee heisst art.sy und wird im Juni zu Beginn der Art Basel online gehen. «Art.sy», sagt Cleveland, «hilft dir, die Kunst zu finden, die dir gefällt.» Er öffnet seinen Laptop. Ein weisses Feld erscheint, das hellblaue Art.sy-Logo oben links, daneben ein Textfeld. Er tippt «Warhol» hinein. Auf der Seite erscheint eine Auswahl von Wahrhol-Werken. In der Reihe darunter sieht man Arbeiten anderer Pop-Art-Künstler mit ähnlichen Motiven, etwa von Tom Wesselman. Noch eine Zeile darunter sieht man Gemälde, die jenen aus der ersten und der zweiten Reihe gleichen, aber weder von Warhol oder Wesselman sind noch zur Pop-Art gehören. Aber sie ähneln ihnen — in den klar umgrenzten, leuchtenden Farbflächen, dem klaren Strich oder auch der Nacktheit, die sowohl den Pin-ups Wesselmans als auch den blanken Brillo-Kisten Warhols eigen ist. Mag man das Nackte, dann mag man vielleicht auch die britische Porträt-Künstlerin Cecily Brown, die in Brauntönen nackte Frauen malt. Das philosophische Projekt, das hinter dem Produkt der Suchmaschine steckt, heisst «Art Genome Project». Kunsthistoriker sitzen im Nebenraum neben Raketeningenieuren und preisgekrönten Programmierern zusammen, um die Kunst zu vermessen. Merkmale wie «Nacktheit», «gerade Linie», «Pop-Art», aber auch «verschwommen», «blau» oder «Einsamkeit», die art.sy den Kunstwerken zuordnet, nennt Cleveland «Gene». Die Kunst wird als Organismus verstanden, die wie der Mensch Informationen über sich selbst in sich trägt.

Um dem Punkt Nachdruck zu verleihen, legt Cleveland für einen Moment den Laptop zur Seite. «Mathematisch gesehen, sind die Gene Dimensionen. Das Art Genome Project wird bis zu seinem Launch 250 davon haben. Jedes Kunstwerk besetzt einen Punkt in einem 250-dimensionalen Raum. Wenn ein User eine Anfrage macht, etwa: Ich mag blau, Interieure, und mein Lieblingskünstler ist Andy Warhol, ordnet das System diese Anfrage einem bestimmten Punkt zu. Es wird nicht immer auf Anhieb das Richtige finden. Aber sagen wir, es findet einen Warhol, der einen Innenraum zeigt. Dann sucht es den Raum ringsherum nach den am nächsten gelegenen Clustern ab. Die Gene und die Suchkriterien werden sich ständig verändern. Sie werden sich ständig verbessern. Art.sy ist wie grosse Kunst. Es wird nie aufhören.»

Bei der Präsentation flutscht die Seite reibungslos, Zusammenhänge erschliessen sich intuitiv. Man kann sich durch die Kunstgeschichte klicken, entdeckt als Kenner neue Zusammenhänge, lernt als Amateur über Stile und Sujets; man kann in die Bilder hineinzoomen, bis man die Fäden der Leinwand sieht, oder sich durch das Gesamtwerk von Gerhard Richter scrollen. Eine Ausstellung, für die Kuratoren monatelang Kataloge wälzten, könnte art.sy mit einem Klick in Millisekunden zusammenstellen. «Neulich», sagt Cwilich, «habe ich die Beta-Version einem Museumsdirektor gezeigt. Zwei Stunden lang war er wie absorbiert, dann hat er gesagt: ‹Das ist wie Crack.›»

Art.sy funktioniert wie Empfehlungssysteme bei Amazon oder der Online-Videothek Netflix. 60 Prozent der Ausleihen auf Netflix sind das Resultat dessen, was die Software vorgeschlagen hat. «Die Schönheit des Systems», sagt Cleveland, «besteht darin, dass die Algorithmen besser wissen als du selbst, was dir gefällt. Sie versuchen nicht, dich von der Güte und Schönheit einer Sache zu überzeugen wie die Händler oder Berater. Sie halten sich schlicht an die Informationen, die du ihnen gibst.» Einsen und Nullen dechiffrieren Geschmack, über den sich zwar immer noch streiten, der sich aber auch berechnen lässt.

DAS GESCHÄFTSMODELL

Der eigentliche Reichtum, der bei der Suche hilft, sind aber die empirisch gewonnenen Daten über das Suchverhalten der Nutzer. Wenn sich etwa herausstellt, dass sehr viele von denen, die Warhol suchen, ausserdem nach dessen Zeitgenossen Jean-Michel Basquiat Ausschau halten, dann werden dessen Bilder entsprechend eher gezeigt werden. Das Geschäftsmodell besteht darin, dass User, die ein oder mehrere Bilder gefunden haben, über einen Button einen direkten Kontakt zu der Galerie bekommen, in der das Kunstwerk zum Verkauf steht. Resultiert die Vermittlung in einem Verkauf, bekommt art.sy eine Provision. Die Schwelle und die dicke Tür kommen weg. Auch das Milchglas.

Denn zu jedem Bild erscheint auf Wunsch ein Textfeld mit einer kunsthistorischen Einordnung und einer Angabe des Preises, falls die Galerien diesen mitteilen. Noch läuft die Seite in der Beta-Version, noch sind erst rund 6000 Kunstwerke vermessen, fast alles Gemälde und Fotografien. Wenn aber erst Hunderttausende Werke aus Galerien, Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt — kostenlos — erfasst sein werden, wenn man nach Kunstwerken jeder Preisklasse, jeder Epoche und jeden Geschmacks frei suchen und diese auch gleich wird kaufen können, dann würde art.sy nicht nur wie Google zur unumgänglichen Referenzadresse und Kunstdatenbank werden. Es würde ausserdem Käufer anziehen, die nicht das Geld haben, sich einen Warhol für 5 Millionen Dollar zu kaufen, aber vielleicht einen zeitgenössischen Maler, der in Pop-Art-Manier malt und dessen Bilder für 5000 Dollar zu haben sind. Art.sy würde das undurchschaubare und elitäre System von inszenierten Künstler-Hypes brechen können, weil es den Geschäftsinteressen einiger weniger den Geschmack von vielen entgegensetzt. Art.sy kann nicht nur den Kunstmarkt, es kann auch die Kunst verändern: Wenn sich exakt berechnen lässt, welche Kunst am meisten nachgefragt wird, wer kann da ausschliessen, dass genau diese dann auch von Künstlern geliefert wird? So weit will Cwilich nicht gehen. Sein Ziel ist es lediglich, «den Zugang zur Kunst grundsätzlich zu revolutionieren».

Für Cleveland ist Google das grosse Vorbild. «Google ist ein Unternehmen, welches das Leben einfacher macht. Es demokratisiert Informationen für Leute, egal, wo sie leben und wie viel sie verdienen. Menschen googeln, wenn sie morgens aufwachen. Oder sie twittern. Das bringt Diktaturen zum Einsturz. Das elektrisiert jeden. Kein Mensch überschlägt sich wegen eines Businessmodells. Eines der ersten Dinge, die Eric Schmidt uns gesagt hat, war: ‹Macht euch um das Geldverdienen keine Sorgen. Konzentriert euch darauf, eine geniale Seite zu bauen. Das Geld kommt dann irgendwann von alleine.›»

Sieht man sich die Riege der Investoren und Berater aus der Kunstwelt an, die art.sy unterstützen, scheint das Unternehmen zum Erfolg verdammt. Die Galeristen Larry Gagosian, die Sammlerin Wendy Murdoch, Ehefrau des Medienmoguls Rupert Murdoch, und Daria Schukowa, Freundin des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch, sind mit an Bord. Viele, doch nicht alle sind überzeugt.

Jane Cohan etwa. Mit ihrem Mann James leitet sie die Cohan Gallery, ebenfalls in Chelsea. Auch sie sind Pioniere im Internet. Im Januar dieses Jahres haben sie die VIP Art Fair ausgerichtet, eine Kunstmesse, die, für jeden ohne Eintrittsgeld zugänglich, ausschliesslich online stattfand, mit einem virtuellen Ausstellungsgelände und Galeristen, mit denen man direkten Kontakt aufnehmen konnte. Es gab technische Anlaufschwierigkeiten, die Chatrooms funktionierten nicht, und gleich am ersten Tag brachen die Server zusammen. Finanziell hat sich der Versuch gelohnt. In der Galerie bauen Arbeiter gerade Installationen des Niederländers Folkert de Jong auf. Eine davon zeigt drei Affen, mit Teer geschwärzt, die einander auf den Schultern sitzen. Einer hält sich die Ohren zu, einer die Augen und einer den Mund.

KUNST = STATUS

Als taub, blind und stumm beschreibt Cohan die Kunstwelt vor dem Internet. Taub für den Ruf, den Kundenkreis zu erweitern, blind gegenüber den Möglichkeiten des Netzes, verschwiegen, wenn es um vermeintliche Geheimnisse über Preise und neue Werke von Künstlern ging. «Eine der grössten Veränderungen in der Kunstwelt ist der Umstand, dass nicht mehr alle wichtigen Sammler in New York leben. Sie sind überall. Wir haben alle sechs Wochen eine neue Ausstellung hier. Aber die Sammler leben in Ottawa, in Berlin und Peking und können nicht einfach mal so vorbeikommen.» Das Internet als Informationsplattform sei unverzichtbar, aber nicht so, wie sich art.sy das vorstelle.

Zunächst sei die Vorstellung, dass privater Geschmack beim Kauf von Kunst das entscheidende Kriterium ist, schrecklich naiv. Die Sammler bräuchten einen Filter, jemanden, der ihnen sagt, was gut sei und was nicht. Ausserdem wüssten sie gar nicht, welche Werke ihrer Künstler sie auf der Seite zeigen sollten. «Die brandneuen, begehrten bestimmt nicht. Für Arbeiten von Bill Viola oder Anselm Kiefer müssen wir keine Käufer suchen. Wir müssen uns nur einen von einer langen Warteliste aussuchen. Die weniger bekannten Arbeiten würden wir aber auch nicht zeigen wollen. Ein Kunstwerk, das zu lange unverkauft bleibt, ist irgendwann verbrannt, wertlos.» Galeristen versuchen, den Wert ihrer Ware in sorgsam ertüftelten Strategien zu kontrollieren. Wenn ein Künstler in ein öffentliches Museum kommt, steigert das seinen Wert erheblich. Die Galerie muss deshalb dafür sorgen, dass sich die Museen den Künstler auch noch leisten können. Genauso muss sie verhindern, dass dessen Arbeiten nicht zu früh in Auktionen zu sehr hohen Preisen versteigert werden. Die Gefahr des Absturzes — siehe die Maler der einst gehypten Leipziger Schule — ist zu gross. Zur Wertkontrolle gehört auch, dass die Werke nur eine bestimmte Zeit zu haben sind: «Dass Kunstmessen so erfolgreich sind, liegt daran, dass die Kunst nur für kurze Zeit zu erwerben ist. Der Effekt wäre völlig dahin, wenn die Sachen monatelang auf art.sy vor sich hinlungerten.»

Cohans Kollege Marc Glimcher von der Pace Gallery hält diese Einwände für berechtigt — für Krämerseelen. Die Pace Gallery hat vier Schauräume in New York und eine prosperierende Filiale in Shanghai. Vom Glamour der Kunstwelt ist in den nüchternen Geschäftsräumen in der 32. Strasse wenig zu spüren. Achtzig Menschen arbeiten hier auf drei Etagen in schuhschachtelgrossen Büros daran, aus Abstract und Minimal Art maximalen Gewinn zu lösen. Glimcher, in Zweireiher mit Nadelstreifen, orangefarbenen Socken in Budapester Schuhen und hingestreckt in einem Le Corbusier-Sofa, gefällt sich sichtlich darin, die Dinge in einem Kontext zu beleuchten.

«Kunst ist die ultimative Metapher dafür, was Wert ist. Es ist ein vollkommen intellektuelles, spirituelles Ding, und es ist ein vollkommenes Objekt. Anders als mit Musik, bei der du für das Erlebnis und nicht für das Objekt bezahlst, kannst du damit handeln. Der Handel funktioniert so: Der Sammler, ein Mensch mit Geld, also Macht, tauscht einen nützlichen Wert gegen einen Wert ohne jeden Nutzen. Kunst ist die ultimative Metapher dafür, was Wert ist. Er basiert ausschliesslich auf einer Übereinkunft, die keinen Regeln folgt. Das ist seine Rolle in der Gesellschaft. Wenn Kunst also derart mächtig ist, wird das Internet etwas Interessantes generieren, wenn jemand richtig kombiniert.» Und was ist die richtige Kombination? Art.sy?

KEIN SCHNICKSCHNACK

Bedeutungsvoll hebt Glimcher die Handflächen von der Sofalehne. «Je mehr du zu wissen glaubst, wie es weitergehen wird, desto weniger Erfolg wirst du haben. Die Kunstwelt bestand einmal aus einer sehr geringen Zahl von Menschen, weil die Information, die Bildung und der Zugang begrenzt waren. Wir wollten das so. Je mehr Informationen du für dich behieltest, desto erfolgreicher warst du. Das gilt heute nicht mehr. Dass irgendwann jemand mit einem Internet-Tool kommen wird, das den Kunstmarkt auf neue Füsse stellen würde, war eine ausgemachte Sache. Um das Kunstgeschäft aufzumischen, braucht man jemanden, der nicht tief drinsteckt. Jemanden wie Carter Cleveland. Der ist zwar naiv, aber nur so kann er herausfinden, wie man die Sache richtig macht.»

Seine Finger tasten nach einer Fernbedienung. Ein Projektor beginnt zu rauschen. «Hier ist die Startseite von Google. Als da noch Yahoo und AOL waren, hatten sie allen möglichen Schnickschnack auf ihren Seiten. Und dann kam dieses Unternehmen mit dieser stumpfen Homepage und einem einzigen Textfeld, und alle fanden es damals lächerlich. Sie meinten: Ihr sagt den Leuten nicht, was sie wollen. Aber das war der Trick. Was art.sy angeht, will ich damit nur sagen: Ich weiss nicht, wie es funktionieren wird, aber das Internet wird das Geschäft mit der Kunst noch mehr revolutionieren, als es das auf anderen Märkten schon getan hat.»

Die Institution der Galerie aber, da ist er sich sicher, wird davon nur profitieren. «Man muss die Kunst real im Raum erleben. Ausser, wenn die Kunst komplett digital würde. Aber das dürfte so schnell nicht passieren.» Allerdings: «Es gibt Arbeiten, die sich besser verkaufen, wenn man sie nur in digitaler Form sieht. Kleine, subtile Gemälde kommen digital nicht gut rüber — wird das die Kunst verändern? Vielleicht.»

Eine Assistentin unterbricht ihn, bereits zum zweiten Mal. Sie erinnert ihn daran, dass ein Gast seit einer halben Stunde auf ihn wartet. Als sie gegangen ist, sagt er: «James, ein Künstler, netter Kerl. Er will wieder irgendwas.» Glimcher, der Kunstpatron. Was aber, wenn die Künstler eines Tages gar nichts mehr von den Galerien wollen, wenn sie ihre Kunst direkt auf art.sy hochladen? «Wenn wir ausgebootet werden, dann ist das unser Problem. Da können wir dann nichts mehr machen.» Er lächelt. «Wie auch immer, man kann sich nicht vor allem fürchten.»

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