Opening bei Charlies Contemporary

eine Kurzgeschichte von Maya Wipf (BA Medien&Kunst – Vertiefung Fotografie)

Richtig festlich und chic ist die Stimmung in der Galerie. Die Sonne brennt draussen auf den Asphalt, aber drinnen ist es angenehm kühl. Die ersten Gäste sind bereits zur Vernissage erschienen und nippen an ihren Weingläsern, degustieren die amuse bouches und lächeln, einige natürlich, einige aufgesetzt oder vielleicht können sie einfach nicht mehr anders.

Emma hat soeben ihre Freundin Kirsty auf der anderen Seite des Raumes entdeckt und schnappt sich noch schnell ein neues Gläschen Cava bevor sie auf ihren High Heels über das Parkett stöckelt und Kirsty freudig in die Arme schliesst. „Gut siehst du aus, tolles Kleid“, schwärmt Emma. Kirsty bedankt sich und gibt Komplimente zurück. „Die neue Frisur steht dir und die Farbe deines Hutes passt ausgezeichnet zum Lippenstift. Sie wäre ganz zufällig in der Gegend gewesen als ihr wieder eingefallen sei, dass heute die Vernissage bei Charlies Contemporary stattfände, meint Emma und da sei sie ganz spontan vorbeigekommen.

„Und wie gefallen dir die ausgestellten Werke“, will Kirsty von Emma wissen, hast du dich schon ein wenig umgeschaut? Wie findest du sie? Emmas Blick schweift durch den Raum, sie geht die gesehenen Bilder vor ihrem inneren Auge durch und überlegt. „Schwierig zu sagen“, gibt Emma zur Antwort, für ihren Geschmack seien die Bilder zu überladen, hätten zu viel Detailreichtum und die Bildgestaltung sei sehr im Stil der Seventies gehalten, aber doch hätten einige der Fotos eine klassische Eleganz. „Und jetzt du, was ist deine Meinung?“ will Emma von Kirsty wissen. Ihr gefielen die Kirschblütenbilder im Eingangsbereich am besten, sagt Kirsty und trinkt den letzten Schluck Weisswein aus ihrem Glas. „Tatsächlich“, fragt Emma irritiert, die fände sie persönlich viel zu belanglos und zu dekorativ. Auf den Bildern seien doch nur rosa Blütenköpfe vor einem blauen Himmel abgebildet, was sie stark an die Poster erinnere, die man in Innendekorationsgeschäften kaufen könne. Nur schöne Kunst fände sie wirklich nichts Spannendes, kritisiert Emma. Diese Kirschblütenbilder seien nur grossformatig geprintet und hätten einen Mahagonirahmen, was ihnen zumindest einen materiellen Mehrwert gäbe, aber als Bilder seien sie doch sehr durchschnittlich. „Nein“, findet Kirsty, die Kirschblütenbilder seien sehr interessant in ihrer Komposition und die Schärfe sei gekonnt eingesetzt, was den Fotografien eine Tiefe gebe und ihnen etwas Wundervolles verleihe, die Bilder seien richtige Meisterwerke der zeitgenössischen Fotokunst! Ausserdem sei gute moderne und zeitgenössische Kunst immer dekorativ, das sei nicht nur ihr persönlicher Geschmack. Wie Emma sich denn sonst erklären könne, dass Künstler wie Andy Warhol, Rothko, Silvie Fleury, Hiroshi Sugimoto und Takashi Murakami so erfolgreich seien, um nur einige Beispiele zu nennen. Das könne sie nicht so pauschal sagen, empört sich Emma, die sich innerlich zusammen nehmen muss, weil solche platten Meinungen in ihr immer wieder etwas Explosives entzünden können, vor allem nach ein paar Gläschen Wein. Darum fragt sie zur Ablenkung „Nimmst du auch noch ein Glas Chardonnay und ein paar Sushi Rolls?“, ich gehe nur kurz einer Bekannten Hallo sagen und dann ans Buffet, da kann ich dir gerne was mitbringen. „Wunderbar“ antwortet Kirsty, die ihr knappes Seidenkleidchen zu recht zieht und sogleich das Gespräch mit einem ihr bekannten Herrn aufnimmt, der dabei ist das Bild neben ihnen an der Wand zu bestaunen.

Emma verteilt hier ein paar Küsschen, macht da ein paar Komplimente und setzt sich kurz auf die Ledercouch neben dem Buffet um einen Blick in den Ordner mit den Preislisten für die ausgestellten Werke zu werfen. Obwohl Emma sich momentan kaum Luxusgüter leisten kann, zumindest nicht bis sich ihr kleines Geschäft wieder von der Krise erholt hat, möchte sie wenigstens so tun als ob sie sich was leisten könnte – das machen bestimmt viele in diesem Raum genauso. Ihr Geschäft wird sich schon bald wieder erholen, davon ist Emma überzeugt und dann wird sie sich ein paar Bilder aussuchen für ihr neues Apartment, welches jetzt noch so beunruhigend leer und klinisch weiss ist. Dafür ist sie jedes Mal mit Stolz erfüllt, wenn sie jemandem ihre Visitenkarte mit der neuen Adresse in die Hand drücken kann, denn ihre Wohnung liegt mitten in der Stadt in einem der schönsten, frisch renovierten Viertel. Sie erfreut sich immer über die anerkennenden Blicke der Leute, auch wenn sie sich das vielleicht nur einbildet, fühlt sich Emma vornehm und erfolgssicher. Da Kirsty sich anscheinend immer noch angeregt mit dem Herrn von vorhin unterhält, bleibt Emma noch einen Moment auf der Couch sitzen um die anderen Vernissagegäste zu mustern.

„Wissen Sie, mein Mann hat diese Fotografie gekauft – genau, dass hier, sehen Sie“, sagt Kirsty zu ihrem Bekannten und zeigt auf ein Bild auf dem ein eingedrücktes Auto zu sehen ist. Der abgebildete, gelbe Sportwagen ist ein Totalschaden, völlig verformt steht er an einer Kreuzung und wird einzig von einer Strassenlampe beleuchtet, der Hintergrund versinkt im Schwarz der Nacht. „Mein Mann hat diese Fotografie in unser Schlafzimmer gehängt, gleich vis à vis vom Bett an die Wand“, erklärt Kirsty. „Ich kriegte immer schreckliche Angst wenn ich aufwachte und das anschaute, bevor ich zur Arbeit fahren musste. Deshalb habe ich das Foto umgekehrt. Die Bildseite zeigt jetzt zur Wand und wenn ich morgens den Schlaf aus den Augen gerieben habe, kann ich die ruhige, monochrome Rückseite des Holzrahmens anschauen. Eigentlich ein schönes minimalistisches Kunstwerk, aber trotzdem, mein Mann soll das Bild wieder verkaufen. Vielleicht ist das Werk in der Zwischenzeit sogar mehr Wert als vor einem Jahr als er es gekauft hat“, sagt Kirsty. Jedenfalls wolle sie das Bild nicht mehr in ihrem Haus haben. Das könne er gut verstehen, meint Kirstys Bekannter James, der ein befreundeter Galerist ist und bei der Vernissage abchecken will, was bei seiner Konkurrenz aktuell ist. Er selbst sei vor ein paar Wochen bei einer Vernissage mit Werken von Boris Michailov gewesen, erzählt James. Michailov sei ein ukrainischer Fotograf, der dokumentarisch arbeitet. Seine Serien zeigen Bilder von Menschen am Rande der Gesellschaft – Arme, Ausgegrenzte und Alkoholiker. James sagt, er habe sich den Ausstellungskatalog gekauft, weil die Bilder ihn so beeindruckt haben. Aber da hätte er sich auch fragen müssen, wer sich schon ein Bild von einem blutenden, verwahrlosten Menschen in die Wohnung hängen würde. Michailovs Werk funktioniere wahrscheinlich am besten in Buchform oder als Ausstellung in einem musealen Kontext und sei nicht allzu populär bei Privatsammlern.

Emma kommt mit dem Wein und den Sushi Rolls zurück zu ihrer Freundin. „Darf ich vorstellen?“, fragt Kirsty „Emma-James, James-Emma. James führt die CA Gallery, die ihre Räume neu in der Altstadt eröffnet hat. Emma führt ein Kleidergeschäft, in dem ich unter anderem dieses exklusive Kleid gekauft habe, das ich heute trage.“ Kirsty zwinkert Emma zu. Interessant meint Emma, „Du bist also der Inhaber der CA Gallery. Kirsty hat mir schon oft von dieser Galerie erzählt, aber ich konnte Kirsty leider noch nie an eine Vernissage begleiten. Ich würde sehr gerne bald bei euch vorbeischauen kommen. Was habt ihr aktuell ausgestellt?“ „Oh, Die neue Ausstellung ist super, James zeigt Filmstarportraits. Aber ihr entschuldigt mich sicher, ich muss auf die Toilette und ihr könnt euch sicher auch einen Moment prächtig ohne mich unterhalten.“

Emma macht kein Geheimnis aus ihrem Desinteressen für die Starportraits und fragt in ihrer ehrlichen Direktheit, wann James das nächste Mal etwas wirklich Interessantes im Programm habe. Kaum hatte sie dies allerdings ausgesprochen, bereute sie es schon wieder, denn nur weil sie diesen schicki micki Typen ihr gegenüber so gar nicht sympathisch findet, ist er doch ein Freund von Kirsty und deshalb sollte sie nett sein. Deshalb ist Emma auch erstaunt über die Antwort von James, der ihren Angriff und ihre Kritik offenbar légèr nimmt. Vielleicht liegt es am Wein, vielleicht daran, dass Emma ihm gefällt, vielleicht daran, dass sie beide gute Freunde von Kirsty sind, jedenfalls hatte Emma nicht mit der Direktheit und Ehrlichkeit gerechnet, die James ihr entgegen bringt, als er sagt: „Eigentlich ist es mir selbst ein bisschen peinlich, aber die Bilder mit den Megastars lassen sich so gut verkaufen, das bringt gute Geschäfte. Allerdings muss ich aufpassen, dass der Ruf der Galerie in Kunstkreisen dadurch nicht geschädigt wird, wenn wir diesen Kommerz zeigen. Deshalb haben wir zur Vernissage nur gezielt Leute eingeladen von denen wir vermuteten, dass sie richtig scharf drauf sind sich eine Berühmtheit an die Wand zu hängen. Es gab keine öffentliche Vernissage und die Ausstellung dauert nur zwei Wochen anstatt zwei Monate, denn schliesslich wollen wir das mit den Filmstars nicht an die grosse Glocke hängen. Aber momentan sind die Zeiten für kleine Galerien wie unsere nicht so rosig und da muss man sich zu helfen wissen.“ Schon interessant wie man sich manchmal ganz klein machen muss um sich dadurch wieder eine Stufe höher heben zu können, denkt Emma und sagt: „Das ist wohl interessant zu sehen, welche Leute sich welche Bilder kaufen und was ihre Motivation dazu ist. Die Liebe zur Kunst, der Wunsch sich das Wohnzimmer anstatt mit Zimmerpflanzen mit Bildern zu dekorieren. Das Ziel junge Künstler zu fördern, sich eine Sammlung aufzubauen. Die Firmen die ihren Angestellten ein kreatives Arbeitsumfeld gestalten wollen und Kunst in die Büros hängen oder eben Leute, die sich einen Filmstar kaufen wollen. Was für Kunden die Galerie von James vorwiegend habe, eher passionierte Privatsammler, Banken oder mehr Leute, die sich einige Werke für ihre neuen Wohnungen kaufen wollen, möchte Emma jetzt wissen. Das sei ganz unterschiedlich, antwortet James, er würde sich allerdings noch einige zusätzliche passionierte Privatsammler wünschen. Emma fragt weiter, nach welchen Mustern die Leute denn Kunst sammeln, ob viele einfach auf Werke von gewissen Künstlern abzielen oder ob seine Kundschaft auch gerne Arbeiten von jungen, weniger bekannten Künstlern kaufe. Dazu sagt James, habe er genau eine passende Geschichte auf Lager: „Siehst du die Dame da drüben mit dem violetten Kleid und der roten Handtasche? Der habe ich einmal einen Richard Avedon verkauft. Sie hat das Bild nie bei mir im Original gesehen nur als Pic auf ihrem Smartphone, aber sie war hingerissen davon. Dann haben die vom Estate mir das falsche Bild geliefert, aber ich tat nichts da gleichen und lieferte es aus. Sie hat es nicht gemerkt, dass ich das falsche Bild zustellte, die wollte wahrscheinlich einfach einen Avedon besitzen, da war der Name entscheidender als das Motiv. Aber insgesamt sind die Leute schon auch sehr offen für Neues, unverbrauchte Künstler und Werke die bezahlbar sind. Sorry, jetzt musst du mich entschuldigen, ich habe gerade einen wichtigen Sammler entdeckt und dem muss ich unbedingt Hallo sagen gehen. Hat mich gefreut dich kennenzulernen, bis ein andermal.“ Emma möchte sich mit Küsschen von James verabschieden, der sie jedoch abrupt im Raum stehenlässt, da er offenbar jemand viel interessanteren zum Reden gefunden hat als sie.

Kirsty ist verschwunden und die Galerie ist in der Zwischenzeit so voll von kunstinteressierten Geschäftsleuten, Passanten, Leuten aus der Nachbarschaft, Künstlern, Szenies oder Studenten, die das Sushi Buffet leeren und in regelmässigen Abständen leuchten die Blitzgeräte von Fotografen auf. Emma ist müde und ihre Füsse schmerzen in den hohen Schuhen. Weil Kisty anscheinend unauffindbar ist und Emma genervt ist, dass Kirsty sie vorhin einfach mit James stehen gelassen hat, schreibt sie ihr eine SMS, dass sie jetzt nach Hause gehe und sie sich wie abgemacht morgen zum Lunch beim Italiener treffen werden.

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