Krise als Treibstoff der Kreativität?

von Timm Bartal (BA Musik – Klavier – Klassik)
Im Workshop von Clemens Bellut haben wir zwei Arten von Krisen unterschieden: Einerseits, die Zuspitzung einer kritischen Lage, welche man mit allen Mitteln versucht zu verhindern. Es kommt nicht zur eigentlichen Krise und die Situation vor und nach der kritischen Lage ist die Gleiche. Im anderen Fall kommt es aber tatsächlich zur Krise und die Situation danach ist irreversibel.
Es ist durchaus so, dass wenn wir von der Finanzkrise sprechen, in gewissen Fällen die zweite Art von Krise zutrifft. Einige Nationen, aber vor allem die untere Gesellschaftsschicht traf es sehr hart. Natürlich haben auch Kaderleute im Wirtschaftssektor enorme Einbussen erlebt und unter Umständen ihre Arbeit verloren. Doch glaube ich, dass sie dadurch nicht in existenzielle Not gerieten, wie etwa arme Menschen.
Genau diese existenzielle Not unterscheidet die zwei Arten voneinander. Hat man von der Situation vor der Zuspitzung der Lage profitiert und hat zudem die nötigen Mittel dazu, die endgültige Krise zu verhindern, wird man dies mit aller Kraft versuchen. Da nützt es auch nicht, die Mängel der vorherigen Situationen analysiert und erkannt zu haben. Das altbekannte und vertraute Wohl blendet und führt dazu, dass man danach gleich weiterfährt wie zuvor.
Wird durch die Krise aber die eigene Existenz bedroht, muss sich etwas grundsätzlich ändern. Das Resultat davon ist dann eine Entwicklung, welche vollkommen irreversibel ist.  Gerade in dieser existenziellen Not ist der Mensch am allermeisten auf seine Kreativität angewiesen, um gerade diese Entwicklung zu vollziehen. Diese Kreativität führt dann zu massgebenden neuen Erkenntnissen, zu wissenschaftlichem Fortschritt, aber auch zu veränderten Formensprachen in den Künsten.
Dies alles kann aber nur geschehen, wenn die existenzielle Bedrohung quer durch alle Schichten und besonders bis in die oberste Spitze der Pyramide reicht. Nur wenn auch die  vorherigen Profiteure davon betroffen sind, kann sich etwas Entscheidendes ändern.
Natürlich sind dies Prozesse, die sich über mehrere Jahre bis hin zu Jahrzehnten erstrecken. Im Nachhinein, kann man sehr genau die heisseste Stelle des Brandherdes orten und kann einzelne Ereignisse für das Ausbrechen der Krise verantwortlich machen. Doch auch die Französische Revolution hat eine lange Vorgeschichte und so auch das Einstürzen der Berliner Mauer 200 Jahre später.
Meines Erachtens, ist der Fakt, dass wir uns während dieser Woche intensiv mit der Krise auseinander gesetzt haben, ein Beweis dafür, dass wir hier in der Schweiz die Finanzkrise nicht wirklich erlebt haben. Wir diskutierten nämlich nicht über klar ersichtliche Folgen, die uns etwa alle betreffen würden, sondern wir untersuchen das Phänomen Krise an sich selbst. Die Geschehnissen der letzten paar Jahren haben uns aber dazu angehalten uns über sie Gedanken zu machen. Dies wird wiederum zu neuen Erkenntnissen führen, welche zu Entwicklungen und Veränderungen in unserer künstlerischen Tätigkeit beitragen. So gesehen hat die Krise eben doch einen starken Eindruck auf uns gemacht, auch wenn nicht primär auf ökonomischer Basis.
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