Theater – Ein Selbstversuch

von Nora Schiedt (BA Vermittlung von Kunst und Design)

Das Theater der Zukunft

Das einzige, was ich von meinem letzten Besuch im Theater noch weiss, ist, dass da gar keine richtige Bühne war, sondern nur eine Fläche, von der drei Seiten mit Bänken umrandet waren. Und dass die Schauspieler ihre eigenen Kleider trugen; zum Beispiel T-Shirt, Jeans und Chüeligurt. Auf der Bühne herrschte ein ziemliches Chaos und obwohl Othello eigentlich dunkelhäutig ist, war da kein solcher Mann. Eine Szene, in der ein Akteur während einem Gerangel so weit entblösst wurde, dass ich zweifelte, ob das beabsichtigt war oder nicht, bescherte mir Unbehagen.
Später an jenem Abend, als ich den Theatersaal verliess, war ich der festen Überzeugung, dass das kein gelungenes Erlebnis war; dass entweder ich nichts gerafft habe, oder die Aufführung schlecht war. Ich hatte keinen Schimmer, wie Shakespeare das ehemals gemeint hat mit der Geschichte von Othello, denn gelesen hatte ich das Drehbuch nicht, und die Neuinterpretation forderte meine Aufmerksamkeit anderswo.

Im Rahmen der Projektwoche „What’s next? Kunst nach der Krise“ an der ZHdK sprachen Referenten aus den verschiedensten Bereichen der Kunst zu der mehr oder weniger krisengeprägten Situation und den sich abzeichnenden Tendenzen für die Zukunft. Auch die Lage des Theaters wurde analysiert.

Mit Begeisterung für sein Fach erzählte Imanuel Schipper, dass Bühne und Zuschauerraum längst keine klar getrennten Bereiche mehr seien; dass das Vorhandensein eines Publikums in Theaterstücke eingebaut werden könne. Kabel und Technik würden offengelegt, Tricks kaum mehr vertuscht. Im Theater von heute dürften Schauspieler auch mal ihre Identität behalten und ganz unabhängig von einem Drehbuch ein Paar Sätze ans Publikum richten. Die Grenze zwischen Realität und Bühne würde aufgebrochen. Nicht mehr einzelne Produktionen der Hochkultur stehen im Fokus sondern gesellschaftliche Themen. Zuschauer übernehmen die wichtige Rolle, während der Schauspieler sich selbst bleibt.

So zahlreich die Möglichkeiten und so mutig die Ansätze: mir wurde es unbehaglich als ich an die unglückliche Vorstellung von Othello zurückdachte, die so viele der genannten avantgardistischen Ansätze vereinte. Im Selbstzweifel darüber, wie aufgeschlossen ich Neuerungen in der Kunst gegenüber tatsächlich bin, fragte ich mich, ob eigentlich ich in der Krise stecke, oder nicht doch die Theaterkunst sich verirrt.

Als ich Imanuel Schipper meine Zweifel mitteilte und die Begegnung mit Othello, schilderte, meinte er, dass das Stück nicht so schlecht gewesen sein könne, wenn ich begriffen hätte, dass Rassismus, Ausgrenzung und Entblössung eine Rolle spielten, und dass Unbehagen nach der Auffühung durchaus zu der Geschichte von Othello passe.

Eines der grossen Probleme für das Theater sei die Erwartungshaltung der Zuschauer. Oft würde das Theater auf das reduziert, was der oder die NormalbürgerIn in der Primarschule gelernt hat: eine Bühne, ein Vorhang und bestenfalls gute Unterhaltung. Wenn man den Begriff des Theaters jedoch weiterfasst und als gesellschaftliches Zusammenkommen, bei dem man sich gemeinsam mit einem Thema befasst, oder sogar als Trainingscamp für gesellschaftliche Umbrüche definiert, so geht man mit einer anderen Erwartungshaltung an eine Theateraufführung, die ein Experimentieren und mögliches Scheitern eher hinnimmt und den Einbezug der eigenen Person sogar nötig macht.

Noch am selben Nachmittag studierte ich das Programm der Zürcher Theaterhäuser.

Das Stück heisst „Affäre Rue de Lourcine“ und wird im Schiffbau aufgeführt. Mehr als eine dreizeilige Zusammenfassung kannte ich nicht. Ich freute mich nicht nur auf gute Unterhaltung, sondern nahm meinen Part als Mitdenkende oder Akteurin ernst.

Erster Selbstversuch nach der Othello-Krise

Die Aufführung vereinte klassische und moderne Elemente und war in dem Sinne weniger anspruchsvoll als Othello, bei dem die Abstraktion und die Limitierung der Mittel um einiges stärker gewesen waren. Während 75 Minuten fieberte und lachte das Publikum mit.

Die Aufteilung des Raumes in Zuschauerränge und Bühne war klassisch. Neben der Bühne, welche in ein protzig-futuristisches Wohnzimmer transformiert worden war, wurde die Verwandlung einer Figur in die andere, von demselben Schauspieler gespielt, offen gezeigt. Einerseits wurden Tricks offengelegt oder sogar reproduziert, obwohl neuste Techniken längst nicht mehr auf sie angewesen wären, andererseits wurde man von virtuellen Bildern und Tönen in die Irre geführt. Beamerprojektionen und Bildschirme ermöglichten eine Mischung von virtuellem Bühnenbild und handfesten Requisiten. Eine Soundanlage verstärkte Stimmen, Töne und Geräusche. Die Vermischung von Fiktion und Realität passt nur zu gut zur Geschichte, in der vage Erinnerungen, Ängste und Realität willkürlich ineinander verwoben werden. Die Schauspieler sprachen in zerrissenen Fetzen zueinander, zu sich selbst und kommunizierten mit dem Publikum.

Meine Abwehrhaltung gegen Theater wurde durch die Auseinandersetzung mit ihm aufgeweicht. Ein gelungenes Theatererlebnis hängt nicht nur von der Produktion und den Schauspielern ab, sondern auch von der eigenen Einstellung. Wie nachhaltig die neueröffnete Sichtweise ist, wird sich in weiteren Annäherungsversuchen zeigen. Auch eine erneute Begegnung mit Othello kann ich mir vorstellen.

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