Utopie der „richtigen“ Krise

Von Saskia Landtwing (BA Design – Vertiefung Style & Design)

Wieder einmal soll ich mich für drei Worte entscheiden, die meine Person umschreiben. Sich profilieren, ein Profil nach aussen vermitteln – beides habe ich zwar schon immer gehasst, aber es ist einfach. Sich von seiner Besten Seite zu präsentieren lernt heute jedes Kind.
Im Kindergarten wussten noch die Meisten, was sie einmal werden wollten. Ich sagte oft Floristin oder Kindergärtnerin.
Später musste ich mich tatsächlich entscheiden, was ich studieren will. Meine Eltern liessen mir alle Optionen offen und haben mich zu nichts gedrängt, mir aber auch zu nichts geraten. Ich sollte etwas machen, das mir gefiel. Die Berufsberaterin erklärte mir, dass ich eigentlich alles machen könne und fragte nach meinen Interessen.
Heute fragt man mich oft: Und, wie läufts im Studium?
Es ist interessant und die Leute auch. Es gefällt mir sehr, aber ich weiss nicht, was ich danach machen will. In der Designbranche arbeiten will ich nicht, das ist mir zu instabil. Das weiss ich schon lange – und trotzdem dieses Studium. Was hätte ich denn studieren sollen? Irgendetwas muss man tun und es hat ja keiner was gesagt! Zum Beispiel ich solle etwas anständiges Lernen oder ich solle Geld verdienen. Danach mache ich vielleicht ein zweites Studium? Etwas Nützlicheres? Möglichkeiten gibt es Tausende.

Während ich mich mit meinen eigenen Problemen beschäftigte, redeten alle von ihr: der Krise. Ehe ich sie bemerkte, soll sie schon wieder verschwunden sein.
Fast jede neue Technik und wissenschaftliche Entdeckung ruft eine Krise hervor. Das heisst, dass etwas danach nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und völlig neue Gegebenheiten herrschen.
Meistens entstehen dadurch eine Menge neuer Dinge und Prozesse, die neu gestaltet und genutzt werden können und sollen, für die Designbranche ein gefundenes Fressen.
Krisen sind alltäglich, nichts Besonderes. Man sollte sich besser an sie gewöhnen.
Aber sind das wirklich Krisen? Assoziiert der Begriff nicht schlimmeres, gigantischeres, etwas länger andauerndes? Ein allgemeines Gefühl von Bedrückung und Stagnation, auf welches erst nach Langem eine Linderung sichtbar wird ehe ein neues, noch unbenanntes, Zeitalter beginnt?

In der Schweiz gibt es keine Armut. Niemand leidet Hunger, jedes Kind kann zur Schule gehen. Wir haben praktisch keine Arbeitslosen. Made in Switzerland ist eine gefragte Marke, Schweizer Qualität und Dienstleistungen sind weltweit gefragt.
Ganz anders in Indien. Dort leben viele Leute auf der Strasse. Es gibt unterernährte Kinder und viele von ihnen gehen nicht zur Schule. Indische Produkte erreichen oft dieselbe Qualität wie die unsrigen.
Namhafte Designer und Künstler in Delhi treffen sich monatlich um gemeinsame Strategien und Themen zu finden – oft einer der Hauptpunkte: Wie können wir Produkte mit der Etikette Made in India zu einer gefragten Marke werden zu lassen? Die Inder sind überzeugt von ihren eigenen Möglichkeiten. Ihre Kapazität an Arbeitskräften sind ihr grösstes Kapital. Keiner redet von einer Krise, den Indern geht es gut und sie sind stolz auf ihr Land.
Die Mittelschicht im Süd-/Ostasiatischen Raum ist bis jetzt noch besessen von westlichen Kaffehäusern und Kleiderläden. Doch wie lange wird es noch dauern, bis diese Leute realisieren, dass sie selbst bessere UND günstigere Produkte produzieren? Und wie lange bis Sie uns schwarz auf weiss überlegen sind, Asien alle Märkte dominiert, der Dollar einbricht, Deutschland seine Staatsschulden nicht mehr im Griff hat und die Märkte der Union an Einfluss verlieren? Was passiert dann mit uns Schweizern?

Ich sehne mich nach einer wahren Krise, eine die uns das fürchten lehrt.
Alle sollen ihre gewaltige Gewalt spüren, jeder soll darunter leiden und kämpfen müssen.
Ich sehne mich nach neuen Werten, wahreren, sinnvolleren. Ich will nicht das Gefühl haben, alles zu haben und doch nicht zufrieden zu sein, denn das beschämt mich.
Ich sehne mich nach dem Druck etwas leisten zu müssen, weil es anders nicht geht und niemand ausser mir selber mein Wohnung, meine Kleider, meine Nahrung und elektronischen Geräte bezahlen wird.
Ich sehne mich nach Stolz, darauf was ich bin und was ich mache.

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